Guignard Kyoto Collection
„hell und deutlich“ mei rekireki 明歴々 | Ōmori Sōgen大森曹玄 (Rinzai Priester) | 1904-1994
„hell und deutlich“ mei rekireki 明歴々 | Ōmori Sōgen大森曹玄 (Rinzai Priester) | 1904-1994
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Ōmori Sōgen war ein japanischer Priester der Rinzai Zen-Schule. Er war ein Vorsteher der Tenryū-ji-Linie in Arashiyama und wurde 1945 Präsident der Hanazono-Universität in Kyoto.
Die kalligrafierte Sentenz auf diesem Rollbild ist bei Zen-Priestern beliebt. Gerade in dieser geistig-religiösen Disziplin verwundert die Forderung nach „Klarheit und Deutlichkeit“ (was man mit Vorstellungen von logischem Disput verbindet) vielleicht auf Anhieb. Doch das Verständnis von Klarheit und Deutlichkeit im Sinne des Zens ist ein durch Meditation seelisch gereinigter Geist, der die Welt und die Existenz intuitiv und schlagartig in ihrem wahren Wesen erkennt.
Das wichtigste Zeichen für Ōmori Sōgen in dieser Sentenz ist das erste: 明. Es ist eine Aneinanderreihung von Sonne 日 und Mond 月. Diese beiden Gestirne kombiniert bürgen für Helligkeit. Erstaunlich nun, dass der Kalligraf das Zeichen stark verformt, man könnte sagen „undeutlich“ macht. Der Sonnenteil 日sieht aus wie ein Mund口, und vom Mond 月 ist für den normal Gebildeten nicht viel zu erkennen.
Doch Kalligrafie ist ja nicht ein „Schreiben als korrekte Mitteilung“. Kalligrafie will und soll über das „Verständigungs-Vehikel“, das ein Schriftzeichen ist, hinausweisen - über einen Inhalt nicht informieren, sondern ihn mit Geist und Seele erfahrbar machen. Die linke Hälfte stellt hier gleichsam nur eine Öffnung dar, aus der mit strähnigem Pinselstrich plötzlich ein Licht entweicht. (Anmerkung zu dieser strähnigen Verbindung: Der Kalligraf lebte im 20. Jahrhundert und muss sich als gebildeter Mensch bewusst sein, dass der Mond nur leuchtet, weil er Licht von der Sonne bekommt. Ob ihm das beim Kalligrafier-Vorgang bewusst war, kann natürlich nicht verifiziert werden)
Durch den tiefschwarzen Bogen empfinden wir ein Leuchten, das dieser schwarze Bogen – fast bis zur Öffnung links zurückkehrend – umschließt. Hier wird der Begriff „hell“ also nicht mit 明 (dem Sonne-Mond-Kombinat) geschrieben, sondern mit einer Leerform gefühlsmäßig als Lichtquelle erfahrbar gemacht.
Das wesentlich kompliziertere Zeichen für „deutlich“ 歴 wird links davon viel kleiner und (trotz schwungvollen Vereinfachungen) eindeutiger als Schriftzeichen wiedergegeben. Seine Wiederholung ist ein im Schreiben allgemein benutzter Kürzel 々. Ein Gebrauch von Abkürzungen mag in einer Kalligrafie erstaunen, doch wir sind hier wieder zurück im Zen-Denken: man will keine unnötigen Zierden (Zeichen); was man kurz sagen kann (als Abkürzung), soll kurz sein.
