Guignard Kyoto Collection
Kalligrafie „Ertragen“ nin 忍 („ein Zeichen wiegt 1000 Goldstücke auf“) | Gesshū Sōko 月舟宗胡 | 1618-1696
Kalligrafie „Ertragen“ nin 忍 („ein Zeichen wiegt 1000 Goldstücke auf“) | Gesshū Sōko 月舟宗胡 | 1618-1696
Verfügbarkeit für Abholungen konnte nicht geladen werden
Gesshū Sōko ist ein Zen Priester der Sōtō-Sekte. Von seiner Ausbildung her gehört er zur Ōbaku-Schule. Diese Schule bestand zur Hauptsache aus Priestern, die am Ende der Ming-Zeit (1368-1644) aus China geflüchtet waren und in Kyoto Zuflucht und großzügige Aufnahme fanden. Diese chinesischen Mönche brachten einen neuen Kalligrafie-Stil mit nach Japan. Einer davon ist die Darstellung einer Sentenz, bei der das erste Zeichen ganz prominent geschrieben wurde. Im Prinzip konzentriert sich dann auch die ästhetische Rezeption einer solchen Kalligrafie vorwiegend auf dieses erste Zeichen.
Hier ist es das Zeichen für „Ertragen, Aushalten“. Das Zeichen besteht aus zwei Teilen. Der obere Teil ist ausschlaggebend für die Lesung nin des Zeichens. Doch mich irritiert auch dessen Bedeutung: „Klinge“. Der untere Teil des Zeichens bedeutet „Herz“. Ob die Interpretation „Das Herz mit der Klinge schneiden“ (also psychische und physische Schmerzen aushalten) für die Etymologie des Zeichens wissenschaftlich zulässig ist, kann ich nicht versichern, aber sie ist verlockend.
Auch Kalligrafen sind oft schöpferisch in der Deutung der Zusammensetzung von Zeichen-Elementen – nicht selten lassen sie Elemente weg, wenn es dem erzielten Pinselduktus förderlich ist.
In diesem Bild kommt es noch zu einer Zugabe von zwei Punkten (Spritzer) oben rechts. Der Vergleich mit einer anderen Kalligrafie dieses Zeichens vom selben Priester (s. Zitat, wo diese Punkte nicht vorhanden sind, führt wohl schlüssig zu dieser Annahme. Auch sonst hilft diese hinzugezogene Kalligrafie, den originalen Duktus des Priester-Malers zu erfassen und bietet ein Authentifizierungs-Moment: Die je unteren Teile des Zeichens, d.h. das „Herz“-Element, sind fast identisch.
Die Sōtō-Schule war mit ihren strikten Regeln bei den Samurai die beliebteste Zen-Sekte. Der Begriff „Ertragen“ war für sie dabei besonders wichtig; er ist zentral für die Geisteshaltung der japanischen Ritter. Gerade in dieser Kalligrafie (noch mehr als in der hinzugezogenen) hat der Pinselduktus im oberen Teil einen entschieden „männlichen“ Zug, der beim Formulieren von „(Schwert-)Klinge“ aussagekräftiger ist als bei dem eleganten geschwungenen Zeichen des Vergleichsexemplars.
