Guignard Kyoto Collection
Tiger | Kishi Ryūzan 岸龍山 | 1816-1889
Tiger | Kishi Ryūzan 岸龍山 | 1816-1889
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Die hoch geschätzte Kishi-Schule begann mit Kishi Koma, üblicherweise Ganku genannt. Er ragt in der japanischen Kunstgeschichte heraus, da er der erste Maler war, der die Möglichkeit bekommen hatte, einen leibhaftigen Tiger zu konterfeien. Sein Sohn Gantai führte die Tradition mit Tigerbildern weiter - zusammen mit einem hoch begabten Maler im Kishi-Atelier, der von Ganku adoptiert wurde, was häufig geschah, um den „Namen“ und die damit verbundene Qualität zu sichern. Der Adoptivsohn durfte sich Kishi Ryūzan nennen. Nach Gankus Tod teilten sich der Sohn Gantai und Ryūzan in die Leitung der Kishi-Schule und pflegten sorgfältig die Tiger-Tradition weiter.
Die große Leistung von Ganku (die ihm seine Naturstudien vor dem Tigerkäfig des Shoguns ermöglichten) war die Loslösung vom überdimensionierten Hauskatzen-Typ, wie er seit Jahrhunderten in der Japanischen Malerei bestimmend war. Die grafische Erfassung von Fellstruktur, vom Gebiss und von den Pranken änderten schlagartig. Nun bleibt aber ein Tiger nicht nur irgendein Raubtier, sondern es symbolisiert seit alters in Asien Kraft und Macht auf der Erde.
Ryūzan lässt seine Raubkatze die Vorderbeine in der Frontansicht spreizen, was ihm unerschütterlichen Halt verleiht, denn die Außenlinien der prominenten Vorderbeine kreuzen sich virtuell oben in der Verlängerung, fast millimetergenau in der Mitte der Bildbreite (s. Struktur-Diagramm). Die Längs-Mitte ist ebenso bedeutend, sie fällt am Bildrand rechts eindeutig mit dem Berührungspunkt der Tigerschnauze zusammen und markiert links das Eintreten des Tigerrückens ins Bildformat. Damit wölbt sich der Tigerrücken mit der Kopfpartie zusammen kompakt von Mitte zu Mitte.
Ryūzan wählt für seinen Tigerkopf die perfekte Profilansicht. Damit steht er in der ältesten Tradition von grafisch klar erfassbaren Lebewesen (s. assyrische Tiger, ägyptische Malereien, früh-attische Vasenmalerei etc.) Doch mit dieser Seitenansicht kann er nicht nur das schreckliche Raubtiergebiss hervorragend zeigen, er weist mit der horizontalen Schnauze auf der Mittelachse des Bildes auch über das Bild hinaus.
Wenn wir diese Mittelachse weiterziehen, trifft sie auf eine andere, ganz starke Formlinie des Bildes: Die Ausrichtung der Schwanzspitze links unten hinauf zum schwarzen Fußballen eines Hinterbeins etwas höher rechts ist für die Basisbildung des Motivs sehr wichtig. Doch die Verlängerung dieser schrägen Linie nach rechts schneidet außerhalb des Bildes die verlängerte Mittelachse - genau in der doppelten Breite des Formats. Das verführt uns, an ein zweites, genau gleich großes Bild zu denken. Diese Idee ist nicht so abwegig wie es zunächst scheinen mag, da Tiger oft mit einem Drachenbild (Herrscher des Himmels und der Lüfte) zusammen ein Diptychon bilden. Dieser Tiger hier schaut nach rechts in die Höhe – zu einem Drachen, den es leider nicht mehr gibt?
Wenn wir dieses „fehlende“ Drachenbild hätten, könnte man sich sehr wohl denken, dass sich in dessen Mitte der rechten Längsseite ein wichtiger Punkt der Komposition befand … eine Kralle, ein Schwanzende … genau dort, wo beim „verdoppelten“ Tiger die Schnauzspitze ist.
Ist dies bloß Spekulation? Aussagen des Künstlers dazu existieren natürlich nicht, doch Japaner haben ein untrügliches Gefühl für Proportionen. Sie brauchen keine „Shaku-Messleiste“, um fast millimetergenau die Mitte einer Bildseite zu erkennen. Dass Ryūzan in diesem Bild damit arbeitet, ist ohne Zweifel – ob er bei der Halbierung der Längs- und der Breitseite auch mit der Verdoppelung der Breitseite arbeitet, kann natürlich nicht bewiesen werden. Sicher ist aber, dass hier das elementare Formprinzip des Dreiecks wirksam ist, das ja auch die Vorderbeine beherrscht.
Bei all den Beobachtungen ist vor allem wichtig zu erkennen, dass der Maler wusste, dass die Grandiosität des Tigers nicht nur von seinen Pranken und seinem Gebiss abhängt, sondern auch von einer starken inneren Struktur.
